Wie schwierig ist die Finanzierung durch Kredite derzeit wirklich?

Der Chefökonom der KfW, Norbert Irsch, gab dazu kürzlich ein dem hauseigenen Infodienst der Kreditanstalt für Wiederaufbau ein interessantes Interview, das wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Irsch spricht darin Klartext über die derzeitigen Kreditbedingungen und die Meinung der Banken, es gäbe gar keine Kreditklemme in unserem Lande.

KfW-Chefökonom – Wachstumsraten für neue Kredite sind stark rückläufig
Irsch über Kreditklemme und KfW-Sonderprogramm

„Unternehmen suchen händeringend nach Krediten“: Schlagzeilen wie diese beherrschen die Medien. KfW-Chefökonom Norbert Irsch glaubt, dass die Unternehmen es weiterhin schwer haben werden, ihr laufendes Geschäft und geplante Investitionen zu finanzieren.

Herr Irsch, die KfW hat ein Sonderprogramm mit einem Volumen von 40 Milliarden Euro aufgelegt, um Unternehmen die Finanzierung ihrer Investitionen und den Kauf von Rohstoffen und Betriebsmitteln zu erleichtern. Gleichzeitig bezweifeln große Verbände wie der DIHK, Sparkassen und Genossenschaftsbanken, dass es überhaupt Probleme bei der Refinanzierung für Unternehmen bestehen. Gibt es die Kreditklemme gar nicht?

Irsch: Unsere Untersuchungen in den vergangenen Jahren haben belegt, dass mittelständische Unternehmen und hier insbesondere kleine Firmen spezifische strukturelle Finanzierungsprobleme haben. Die vierteljährlichen Banken-Befragungen der Bundesbank zeigen, dass im Laufe des Jahres 2008 die Finanzierungssituation für alle Unternehmen erheblich schwieriger geworden ist. Die Banken haben die Risikomargen stark erhöht und die Bedingungen für die Vergabe deutlich verschärft.

Wieso bestreiten dann manche Banken die Kreditklemme?

Irsch: Weil Sie unter „Kreditklemme“ etwas anderes verstehen. Es gibt keine flächendeckende Klemme in dem Sinne, dass bonitätsmäßig passablen Unternehmen generell eine Kreditfinanzierung abgelehnt wird. Das zeigt auch unsere jüngste Blitzumfrage: Ein typisches Mitgliedsunternehmen des jeweiligen befragten Verbandes hat demnach derzeit keine grundsätzlichen Probleme, einen Investitionskredit zu erhalten. Von einer allgemeinen Kreditklemme kann somit noch nicht die Rede sein. Allerdings gibt es sehr wohl deutlich verschlechterte Finanzierungsbedingungen, die Investitionen teuer, für manche Unternehmen zu teuer machen. Man darf aber auch nicht ganz außer Acht lassen, dass die aus konjunkturellen Gründen erheblich verschlechterten Absatzerwartungen zu einem massiven Rückgang der Investitionen und damit der Kreditnachfrage führen. Das heißt, wenn eine sinkende gesamtwirtschaftliche Kreditvergabetätigkeit hauptsächlich durch sinkende Nachfrage verursacht wird, dann gibt es natürlich auch keine Kreditklemme. Wichtig ist momentan, dass diejenigen Unternehmen, die investitionsbereit sind, auch an die dafür notwendigen Kreditmittel herankommen.

Gibt es Anzeichen, dass es zu einer wirklichen flächendeckenden Kreditklemme kommt?

Irsch: Anzeichen dafür gibt es in der Tat. Da es keine verlässliche Statistik über die Neuvergabe von Krediten gibt, berechnen wir diese in unserem vierteljährlichen Kreditmarktausblick. Die Wachstumsraten der Kreditneuvergabe an Unternehmen und Selbständige sind etwa seit einem knappen Jahr stark rückläufig. Im vierten Quartal 2008 stieg das Volumen neuvergebener Kredite gegenüber Vorjahr noch mit rund fünf Prozent und diese Veränderungsrate wird im Trend wahrscheinlich noch weiter abnehmen. Wenn gleichzeitig die Kreditnachfragen der Unternehmen bei den Banken anziehen – wie das die Kreditinstitute gemäß der letzten Bundesbank-Umfrage selbst erwarten – dann wäre ein Szenario für eine Kreditklemme gegeben. Man sollte eine Kreditklemme aber nicht voreilig ausrufen; die Prognoseunsicherheit ist sehr hoch.

Welche Unternehmen und Branchen haben besondere Probleme?

Irsch: Besonders die exportorientierten Branchen wie Automobil, Werften, Chemie und Maschinenbau leiden unter Absatzschwäche und Finanzierungsproblemen. Dabei haben die großen Unternehmen die größten Schwierigkeiten, Kredite aufzunehmen, weil sie am stärkten am Export hängen.

Warum zögern die Banken mit der Kreditvergabe und kürzen die Kontokorrentkredite, obwohl gerade der Mittelstand in den letzten Jahren sehr gut verdient und seine Ausstattung mit Eigenkapital stark verbessert hat? Die Risiken sind doch überschaubar …

Irsch: Die Banken sind generell risikoscheuer und vorsichtiger geworden, das ist in Anbetracht der gegenwärtigen Finanzmarktlage und der konjunkturellen Aussichten auch kein Wunder. Zudem ist das Eigenkapital der Banken aufgrund der schon vorgenommenen und noch zu erwartenden Abschreibungen stark beansprucht, so dass die Möglichkeit zur Vergabe von Krediten geringer geworden ist. Insbesondere große Projekte dürften es schwer haben, in so einem Umfeld eine Finanzierung zu finden. Hier setzen ja der Schutzschirm der Bundesregierung und das KfW-Sonderprogramm mit seinen besonderen Haftungsfreistellungen an. Die Besonderheit des Programms ist ja die Haftungsfreistellung von bis zu 90 %.

Das heißt: Das Risiko von Krediten, die nicht zurückgezahlt werden, trägt im Wesentlichen die KfW bzw. der Bund. Das müsste doch insbesondere der gebeutelten Autoindustrie helfen?

Irsch: Das hilft allen Branchen mit Refinanzierungsproblemen, aber natürlich besonders denen, die die größten Schwierigkeiten haben, also der Autozulieferindustrie, der Chemie und dem Maschinenbau.
Welches Investitionsvolumen soll das Programm auslösen?

Irsch: Wir erwarten, dass mit dem Programm Investitionen in einem Volumen von bis zu 53 Milliarden Euro unterstützt werden. Damit wird es einen spürbaren Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen leisten.

In welchen Branchen?

Irsch: Die KfW geht von der üblichen Branchenverteilung aus. Ein Schwerpunkt dürfte beim verarbeitenden Gewerbe liegen. Es könnte zudem sein, dass die exportorientierten Branchen stärker vertreten sein werden.

Besonders Großunternehmen klagen über schlechtere Kreditbedingungen …

Irsch: … genau, und deshalb hat die Bundesregierung das KfW-Sonderprogramm mit dem zweiten Konjunkturprogramm von 15 auf 40 Milliarden EUR aufgestockt und für Großunternehmen und Konzerne geöffnet. Es geht uns allem um die Sicherung oder Schaffung von Arbeitsplätzen. Da wollen wir flexibel in enger Abstimmung mit der Bundesregierung entscheiden.“

(Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der KfW)

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