Stärke durch Bereitschaft zur Veränderung – In Richtung Zukunft bei der „Handelsblatt“-Jahrestagung

Die Banken sind in diesen Zeiten eine Zielscheibe der Kritik und der Entrüstung, manchmal jedoch sind sie sogar zur Eigenkritik fähig. Aber nur wenige können dies, wie es scheint und von vielen wird auch heute noch auf Einsicht gewartet – und auf ein verändertes Verhalten.

Auf der „Handelsblatt“-Jahrestagung mit dem aussagekräftigen Titel „Zukunftsstrategien für Sparkassen und Landesbanken“ hat der Vizepräsident des DSGV, des Deutschen Sparkassen- und Giroverband, Dr. Rolf Gerlach, heute eine Rede gehalten. Auszüge aus dem Redemanuskript wollen wir Ihnen hier nicht vorenthalten, weshalb wir die wichtigsten Punkte aus der Rede ziehen möchten, die unter dem Thema „ Sparkassen-Finanzgruppe: Stärke durch Bereitschaft zur Veränderung“ stand.
„Die Welt in der Finanzwirtschaft hat sich innerhalb kürzester Zeit fundamental gewandelt: Banken werden (teil)verstaatlicht, sogar solche, die früher als Vorkämpfer gegen eine Tätigkeit der öffentlichen Hand im Bankenwettbewerb aufgetreten sind. Heute sehen sie darin für sich einen Vorteil und Zugewinn an Sicherheit!
Garantien der öffentlichen Hand, die vor einigen Jahren bei Sparkassen und Landesbanken abgeschafft worden sind, werden allenthalben eingeführt und Investmentbanken, die gestern noch als Zukunftsmodell galten, sind heute praktisch ausgestorben.

Wir stehen inmitten einer Zeitenwende der internationalen Finanzwirtschaft. Wie fundamental der Wandel wirklich ist, wird uns vielleicht erst mit einigen Jahren Abstand richtig und vollständig bewusst.

Nun wird man heute nicht behaupten können, es habe keine Warnungen vor der Krise gegeben. Einzelne Ökonomen aus der Wissenschaft haben frühzeitig Krisenszenarien beschworen. Der Päpstliche Rat – auch wenn er hier und da einmal irren sollte – hat bereits 2004 Gefahren für die Stabilität der Finanzmärkte angesprochen.

Und der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) hat zwar nicht die Art und den Verlauf der jetzigen Krise vorhergesehen. Aber er hat seit 2004 regelmäßig, vor allem bei den Herbsttagungen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, auf Stabilitätsrisiken für das Finanzsystem hingewiesen, die aus zu großen Unternehmenseinheiten, der Überbewertung des amerikanischen Immobilienmarktes und der unzureichenden Langfristorientierung resultieren.

Tatsächlich sind solche Hinweise in den letzten Jahren weitgehend ungehört an den Märkten verhallt. Kritiker wurden eher verdächtigt, angesichts des Wettlaufs um Renditen und Finanzinnovationen nicht erfolgreich sein zu können und sich deshalb kritisch zu äußern. Stabilität galt als etwas Selbstverständliches, ambitionierte Kapitalmarktaktivitäten wurden weithin als alternativlos, risikoarm und zukunftsweisend angesehen.

Jetzt bestätigt sich manches, was wir als Sparkassen in den letzten Jahren gegen lebhafte Widerstände – auch bei solchen Tagungen wie dieser – vertreten haben:
• die zerstörerische Wirkung von Geschäftsmodellen, die sich ausschließlich auf Höchstrenditen ausgerichtet haben,
• die Fehleinschätzung, Kapitalmärkte seien in ihrer Prognosequalität und Kapitalallokation Kreditinstituten überlegen,
• der Fehler, sich von breiten Kundenschichten – im Privat- wie im gewerblichen Kundengeschäft – abzuwenden
• und vor allem die risikoverschärfende Wirkung moderner Finanzinstrumente.

Diese Krise macht die von den Sparkassen vertretenen Werte plötzlich wieder zur allgemeinen Überzeugung. Sogar Herr Blessing erklärt öffentlich, eigentlich sei die Commerzbank seit der Staatsbeteiligung so eine Art Sparkasse. Und so schlecht funktioniere das bei den Sparkassen ja auch gar nicht.

Es ist sicher kein Fehler, in der Krise sicher und nachhaltig zu handeln. Aber es war auch kein Fehler, dies bereits vorher zu tun. Manche haben früher behauptet, das Geschäftsmodell der Sparkasse sei nicht zeitgemäß. Sie hatten Recht: Wir waren der Zeit voraus. Denn jetzt kehren alle wieder zur soliden Form des Bankgeschäfts, zum Retailgeschäft mit realen Kunden, zurück. Dahin, wo die Sparkasse seit 200 Jahren sind. Die Zeit der reinen Kapitalmarktorientierung und des Shareholder Value ist jedenfalls erst einmal vorbei!“

Auch die Landesbanken und ihre derzeitige Lage hat sich Dr. Rolf Gerlach aufs Korn genommen bei seiner wichtigen Rede:

„Unsere größte Herausforderung besteht darin, neue Lösungen im Landesbankensektor zu finden. Wie Sie wissen, sind eine Reihe von Landesbanken von den Verwerfungen der Finanzmärkte betroffen. Es geht ihnen nicht anders als vielen internationalen Geschäftsbanken.

Dennoch werden wir es uns nicht so einfach machen, nur auf parallele Entwicklungen bei den Geschäftsbanken zu verweisen. Tatsächlich haben sich Sparkassen und einzelne Landesbanken in ihrer Risikopolitik in den letzten Jahren auseinander entwickelt.

1990 lagen die Sparkassen bei 547 Mrd. Euro Bilanzsumme und die Landesbanken bei 387 Mrd. Euro. Seither haben die Sparkassen ihr Volumen verdoppelt, die Landesbanken ihres vervierfacht. Letztere aber ohne, dass sie ihre Markt- und Kundenverankerung in diesem Maße verbessert hätten. Die zusätzlichen Volumina entstanden denn auch nicht zuletzt mit dem Handel von strukturierten Produkten und anderen, heute problematischen Wertpapieren.

Der Übergangszeitraum beim Wegfall von Anstaltslast und Gewährträgerhaftung hat leider – im Nachhinein betrachtet – verschärfend gewirkt, weil die umfangreichen, noch günstig aufgenommenen Gelder in diesem Maße gar nicht in traditionellen und damit heute stabilen Geschäftsfeldern investiert werden konnten.

Insoweit sind einzelne Landesbanken damit nicht nur ein Opfer des Wegfalls der Staatshaftung geworden – des Instruments, das gerade bei privaten Geschäftsbanken eingeführt wird -, sondern auch des eigentlich zu ihrem Schutz gedachten Übergangszeitraums. Das erklärt, weshalb heute einzelne Landesbanken stärker betroffen sind als dies ihre Geschäftspolitik bis 2001 hätte erwarten lassen.

Aus heutiger Sicht erweist es sich als großer Fehler, dass es 1989 nicht gelungen ist, das DSGV-Konzept für die Landesbanken zu realisieren. Dieses sah nur noch eine einzige, allerdings auf stabile Geschäftsfelder ausgerichtete deutsche Landesbank vor. Dieses Konzept ist von den Sparkassen und den Kommunen akzeptiert und beschlossen worden. Aber wir haben es damals nicht geschafft, die Bundesländer von der Notwendigkeit dieser Veränderung zu überzeugen.

Gerade deshalb sind aber die Sparkassen heute bundesweit einheitlich fest entschlossen, als Schlussfolgerung aus der Krise zumindest jetzt bei den Landesbanken neue und stabilere Strukturen zu schaffen. Sie sind davon überzeugt, dass innerhalb der jetzigen Strukturen die notwendige Stabilisierung der Landesbanken auf Dauer nicht möglich sein wird. Die Sparkassen wollen durchsetzen, dass ihre Töchter keine Risiken eingehen, die die Mütter nicht vertreten können und wollen.

Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Landesbanken künftig deutlich weniger von hoch volatilen Kapitalmarktgeschäften abhängig sind und sich stärker auf stabilere Geschäftsfelder ausrichten. Das wird nur möglich sein, wenn wir die heute vorhandenen Kapazitäten bei den Landesbanken so verändern, dass sie durch stabile Geschäftsfelder ausgelastet werden können. An einer deutlichen Verringerung von Risikoaktiva und von Kapazitäten führt deshalb kein Weg vorbei. Dabei wird es nicht nur um die Auslagerung oder Abgabe möglicherweise problembehafteter Wertpapiere gehen können. Das ist in einzelnen Häusern, der WestLB beispielsweise, bereits geschehen. Auch private Banken denken jetzt über solche Wege nach. Dabei kann es allerdings nicht um die vom privaten Bankenverband vorgeschlagene bad bank gehen, wo Banken toxische Wertpapiere gänzlich und dauerhaft in die Obhut des Staates geben. Denn es dürfte dem Steuerzahler kaum zuzumuten sein, Banken komplett von kritischen Risikoaktiva freizustellen. Es kann bei solchen Überlegungen nur darum gehen, Instituten bei der Überwindung einer kritischen Zeitphase zu helfen. Bad banks können deshalb auf Ebene einzelner Institute oder einer Mehrzahl gleichgerichteter Institute eine für alle Seiten zumutbare Lösung sein.“

(Quelle: DSGV, es gilt das gesprochene Wort!)

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