Die Finanzkrise und die Bestätigung des Geschäftsmodells dezentraler Sparkassen

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband, der DSGV, wirkt meistens im Hintergrund und wird von der Öffentlichkeit oft gar nicht wahrgenommen, bzw. viele wissen nicht einmal, dass es ihn gibt. Durch die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Landesbanken und deren wohl kommender Zusammenschluss (aus sieben mach drei!) ist der DSGV – und das ganz zu Recht – in vieler Menschen Munde. Auf der diesjährigen Euro Finance Week in Frankfurt (Main) hat Heinrich Hassis, der Präsident des Verbandes, gestern jedoch eine Rede gehalten, die ahnen lässt, wie sehr man sich auch beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband um die Finanzmärkte Sorgen macht und dass man auch für Lösungen beitragen und auch dafür bereitstehen möchte. Die Rede in der Gänze.

„Die diesjährige Euro Finance Week findet in einem finanzwirtschaftlichen Umfeld statt, von dem wir noch letztes Jahr hofften, dass es uns erspart bleibt. Spätestens seit der Insolvenz von Lehman Brothers Mitte September befinden sich die Märkte in einer irrationalen Phase, die eine Refinanzierung von Kreditinstituten an den Märkten fast unmöglich macht. Die Regierungen der Industrienationen handeln in beeindruckender Einmütigkeit, um die Finanzmärkte zu stabilisieren. Der Weltfinanzgipfel in Washington hat dieses am Wochenende nochmals deutlich gezeigt. Es ist ein historischer Durchbruch, dass es künftig keine Regionen, keine Produkte und keine Marktteilnehmer mehr geben soll, die sich der Regulierung und der Aufsicht entziehen können. Entscheidend ist, dass in diese Regeln endlich auch die Ratingagenturen einbezogen werden sollen. Dies alles dient dem Zweck, über alle Kreditinstitute und alle Gruppen hinweg Vertrauen in den Markt wiederherzustellen – zwischen den Banken, aber auch zwischen Banken und den politischen Entscheidern, den Unternehmen und der Bevölkerung. Rettungspakete der Industriestaaten im Gesamtumfang von 3.100 Mrd. Euro sollen zur Reaktivierung der Märkte beitragen. In Deutschland ist der Sonderfonds für Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) ein notwendiges Fundament, auf dem schrittweise wieder Vertrauen zwischen den Finanzmarktteilnehmern aufgebaut werden kann. Das Stabilisierungsprogramm der Bundesregierung kann seine Wirkung allerdings nur dann wirklich entfalten, wenn die Kreditinstitute es auch in Anspruch nehmen. Nur wer staatliche Garantien in Anspruch nimmt, sorgt mit dafür, dass der Interbankenmarkt wieder in Gang kommt. Nur wer bei angespannter Kapitalsituation Eigenkapitalhilfen nutzt, muss seine Engagements – sprich auch Unternehmenskredite – nicht reduzieren. Wer trotz allgemeiner Marktverwerfungen staatliche Hilfen nicht nimmt, schadet möglicher Weise damit vor allem seinen Kunden. Wer, wie die Finanzwirtschaft, Milliarden bewegt und daran verdient, trägt auch eine große Verantwortung gegenüber diesen Kunden, der Gesellschaft und dem Finanzsystem insgesamt.

Die Sparkassen-Finanzgruppe hat in den letzten Monaten ihre Verantwortungsbereitschaft bewiesen. Ich verweise hier auf die Fälle IKB und Hypo Real Estate. Die Sparkassen-Finanzgruppe hat sich in beiden Fällen in erheblichem Umfang – bei der IKB mit rund 366 Mio. Euro, bei der HRE mit 1,6 Mrd. Euro – an den Rettungsaktionen beteiligt, obwohl es sich um private Banken handelt, die nicht zu unserer Gruppe und auch nicht zu unserem Sicherungssystem gehören. Inzwischen haben wir es mit einer systemischen Krise zu tun, die nicht mehr mit Einzelfalllösungen bekämpft werden kann. Ich möchte mich – in Anbetracht der Kürze der Redezeit – auf zwei Punkte konzentrieren:

• Erstens: Die Schlussfolgerungen der Sparkassen aus der Finanzmarktkrise
• und zweitens die Konsequenzen für die Landesbanken.

Zunächst zu den Sparkassen. Die Finanzmarktkrise ist eine Bestätigung des Geschäftsmodells dezentraler Sparkassen. Bis vor kurzem galt das Geschäftsmodell der Sparkassen – und auch der Genossenschaftsbanken – bei vielen als verstaubt und antiquiert. Heute lächelt darüber niemand mehr. Und auch die Auseinandersetzung um Sinn und Nutzen des Drei-Säulen-Modells dürfte jetzt wohl endgültig der Vergangenheit angehören. Ich habe mit Interesse vernommen, dass sogar der wichtigste Protagonist gegen diese Struktur der letzten Jahre, der frühere Bankenpräsident Breuer, am Freitag vor 10 Tagen hier in Frankfurt erklärt hat, das Drei-Säulen-System sei kein Thema mehr, weil es sich in den Augen der Kunden nicht um ein Problem handele. Dennoch birgt diese Krise auch für die Sparkassen erhebliche indirekte Herausforderungen. Gerade die international tätigen Banken ohne eigene Kundenbasis befinden sich derzeit in einem Finanzierungsdilemma: Die Refinanzierung am Geldmarkt ist knapp und teuer. Für Anleihen oder Schuldscheine fordern Investoren hohe Risikoprämien oder adäquate Garantien. Über eine aggressive Konditionenpolitik bei den Kundeneinlagen erkaufen sich jene dringend benötigten Refinanzierungsmittel, die früher das breite Kundengeschäft vernachlässigt haben. Dabei werden derzeit – zum Nutzen der Kunden – auch nicht marktgerechte Konditionen gezahlt, denn das teuerste Kundengeld ist zurzeit immer noch günstiger als die Interbanken-Refinanzierung. Wir müssen sehr darauf achten, dass die großen Verwerfungen auf den internationalen Märkten jetzt nicht Ungleichgewichte auf den Märkten für Kundeneinlagen nach sich ziehen. Zweifellos wird diese Entwicklung aber Spuren in den Ergebnissen aller Kreditinstitute hinterlassen – auch bei den im Einlagengeschäft traditionell sehr starken Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Nach meiner Auffassung ist ein Geschäftsmodell vorerst erledigt, das vorsah, Kreditkunden sofort nach Abschluss des Geschäfts via Verbriefung aus der Bilanz zu nehmen. Das Geschäftsmodell der Sparkassen hingegen muss nicht geändert werden – sie gehen gestärkt aus der Finanzkrise hervor, denn ihr Bankgeschäft ist eng an die Realwirtschaft gekoppelt. Die Geschäftspolitik ist vor allem geprägt durch eine langfristig orientierte Anlagepolitik im Zinsbereich. Insbesondere in diesem Geschäftsfeld ist während der Finanzmarktkrise eine geringere Volatilität zu beobachten als in anderen Märkten (z.B. Aktien, Immobilien). Die Sparkassen treten vornehmlich als Liquiditätsanbieter im Interbankenmarkt auf. Wenn sie auf der Nehmerseite zu finden sind, dann fast immer nur aus bilanzstrukturellen Gründen. Angesichts des breiten Einlagengeschäfts kann die von Sparkassen praktizierte Kreditfinanzierung weitgehend unabhängig von den Gegebenheiten an den Kapitalmärkten erfolgen. In den ersten drei Quartalen 2008 haben Sparkassen 11 % mehr Kredite an Unternehmen und Selbständige zugesagt. Das ist eine außergewöhnliche Leistung zum Wohl der deutschen Volkswirtschaft, besonders des Mittelstands! Unser zentrales Anliegen ist, dass Sparkassen Marktführer und wichtigster Partner der Deutschen in allen Finanzangelegenheiten sind und auch künftig bleiben. Damit kann für uns die Eigenkapitalrendite nicht alleiniger Maßstab zur Ermittlung unseres geschäftlichen Erfolges sein. Stattdessen sind für uns künftig in der Steuerung neben betriebswirtschaftlichen Kennzahlen vor allem Richtgrößen wichtig, die unseren Erfolg bei den Kunden dokumentieren:

• die Kundenreichweite,
• der Anteil an den Hauptbank-Verbindungen und
• die Kundenzufriedenheit.

Daraus resultiert beispielsweise ein Personalumbau, mit dem wir den Backoffice Bereich verkleinern und mehr Mitarbeiter in den direkten Kundenkontakt bringen.

Auch weiterhin gilt: Sparkassen brauchen Landesbankdienstleistungen. Deshalb ist es grundsätzlich sinnvoll, dass sie bei Landesbanken engagiert sind. Aber sie brauchen diese Dienstleistungen nicht von so vielen Anbietern und auch nicht in so großer Unterschiedlichkeit. Hier ist seit Jahren ein notwendiger Reformbedarf sichtbar, der sich im Zuge der Finanzmarktkrise noch erheblich verschärft hat. Die Marke Sparkasse steht für Stabilität und Sicherheit. Es ist deshalb nicht systemgerecht, dass Unternehmen, an denen die Sparkassen maßgeblich beteiligt sind, eine grundsätzlich andere Risikopolitik als sie selbst fahren und nun in der Finanzmarktkrise die Träger und Eigentümer substanziell belasten. Denn dies würde nicht zuletzt dazu führen, dass den Sparkassen Finanzmittel entzogen würden, die diese zur Sicherung eines ausreichenden Kreditangebots für den Mittelstand dringend benötigen. Weniger denn je kann sich unsere Volkswirtschaft leisten, Finanzmittel aus der Realwirtschaft abzuziehen, um damit Geschäftsmodelle in virtuellen Finanzmärkten zu unterstützen. Deshalb müssen jetzt die Voraussetzungen für einen stabilen Landesbanken-Sektor für die Zeit nach der Finanzmarktkrise geschaffen werden. Heute bearbeiten die Landesbanken in weiten Bereichen dieselben Geschäftsfelder, im Wesentlichen Kapitalmarktgeschäft, gewerbliche Immobilienfinanzierung, Mittelstands- und Firmenkundengeschäft und Verbundgeschäft mit Sparkassen. Hierdurch entstehen Doppelarbeiten und Überkapazitäten, die insgesamt zu einer nicht wettbewerbsfähigen Kostenstruktur und einer fehlenden Schlagkraft der einzelnen Landesbanken führen. Dies hat dazu geführt, dass einige Landesbanken in das Kreditersatzgeschäft ausgewichen sind. Die Finanzkrise hat nun deutlich gezeigt, dass in den Büchern der Landesbanken zu viele risikobehaftete Papiere sind. Deshalb ist ein Abbau der Risikoaktiva im Landesbankenbereich um 30 bis 40 Prozent unausweichlich. Dieser Risikoabbau kann zwar theoretisch auch standalone in den einzelnen Landesbanken durchgeführt werden. Erfahrungen der Vergangenheit zeigen aber, dass ein solcher Abbau einfacher durchzuführen ist, wenn das Momentum einer Fusion und der damit ohnehin notwendigen Änderungen genutzt werden kann. Eine Konsolidierung würde durch Zusammenlegung ähnlicher Tätigkeiten einen Abbau von Redundanzen und dadurch signifikante Kosteneinsparungen in Back-Office, Produktions- und zentralen Vertriebsfunktionen mit sich bringen.

Erste Schätzungen laufen darauf hinaus, dass – unterstellt es gäbe drei Landesbankblöcke – für jeden jährliche Kosteneinsparungen von mindestens 300 bis 500 Mio. Euro möglich sind. Und durch eine Bündelung von Kompetenzen könnten auch die Qualität der Dienstleistungen und die Vertriebskraft deutlich erhöht werden. Diese Strukturveränderungen werden im ersten Schritt mit einem Abbau von Arbeitsplätzen einhergehen. Diese dürften sich aber auf Sicht auch bei Stand-alone Lösungen nicht umgehen lassen – nur dass dann keine zukunftsfähige Struktur entstünde. Die Sparkassen haben deshalb bundesweit einheitlich einen Vorschlag zur Neuordnung der Landesbanken entwickelt. Sie sind – unabhängig von ihrer jeweiligen Trägerschaft an einer Landesbank – der Überzeugung, dass die Landesbanken stärker wären und den Unternehmen in Deutschland besser dienen könnten, wenn sie ihre unterschiedlichen Stärken zusammenführen und sich auf wenige Einheiten konzentrieren würden. Wir sind in einer Phase, wo die Überzeugung über die Richtigkeit dieses Weges bei allen Trägern der Landesbanken reifen muss. Die Sparkassen setzen dabei auf einen vertrauensvollen und vertraulichen Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Eignern der Landesbanken. Hierzu werden derzeit Gespräche mit den Ländern und zwischen den Ländern geführt, um Einvernehmen zu erreichen. Wir wollen dabei Rücksicht auf deren Interessen und Befindlichkeiten nehmen. Wir können aber auch nicht die erfolgreichen Sparkassen durch nicht marktfähige Strukturen andernorts gefährden. Ich denke, das muss jeder verstehen.
… So weit zum aktuellen Stand unserer Gruppe, viel Arbeit steht uns noch bevor. Ich kann aber darauf hinweisen, dass die Sparkassen in ihrer 200jährigen Geschichte vor vielen großen Herausforderungen standen. Und jedes Mal sind sie gestärkt aus ihnen hervorgegangen. Das wird auch dieses Mal der Fall sein. Denn ihr Geschäftsmodell mit seiner engen Bindung an die Regionen und an die Realwirtschaft hat in der internationalen Finanzmarktkrise seine Stabilität unter Beweis gestellt. Deshalb sprechen viele zu Recht schon von der Renaissance des Sparkassenmodells oder von einem Comeback der Sparkassen. Dieser Erfolg und ihre betriebswirtschaftliche Verantwortung geben den Sparkassen das Recht und die Pflicht, auf eine Änderung der Strukturen bei den Landesbanken zu drängen.“

(Quelle: DSGV)

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